Prof. Dr. Wierlacher
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Toleranztheorie in Deutschland
Eine anthologische Dokumentation

Hg. von Alois Wierlacher und Wolf Dieter Otto.
Tübingen: Stauffenburg 2002, 528 Seiten.

Die vorliegende Anthologie versammelt ausgewählte Beiträge zur Toleranztheorie in Deutschland nach 1945, die im Rahmen eines von Alois Wierlacher ausgearbeiteten, von der Volkswagen-Stiftung geförderten und auf der Plattform des Instituts für internationale Kommunikation und auswärtige Kulturarbeit (IIK Bayreuth) von Wolf Dieter Otto et al. durchgeführten Forschungsprojekts zum Kulturthema Toleranz gesichtet wurden. Die Texte sind in der bisherigen Toleranzforschung zum größten Teil unbekannt; sie wurden aus einer mehrbändigen Quellensammlung ausgewählt, die im Institut eingesehen werden kann.

Die ausgewählten Texte besitzen sowohl den Status von Quellen als auch von Interpretationen des Zeitgesprächs über Toleranz. In dieser doppelten Funktion werden sie im folgenden vorgelegt; eine vergleichbare Dokumentation gibt es nicht.

Die Reihenfolge der gesammelten Texte wurde in Anlehnung an annalistische Gliederungsprinzipien dekadisch und in diesem Rahmen zugleich thematisch im Blick auf die Genese einer fremdheitskundlichen (xenologischen) Begründung der Toleranzdiskussion in Deutschland nach 1945 geordnet. Jedes Kapitel wird mit einer besonderen Einführung eröffnet. Für diese Einführungen, für die Auswahl und quellenkritische Präsentation der Texte zeichnet Dr. Wolf Dieter Otto verantwortlich. Über die Anlage des Forschungsprojekts und die Forschungssituation informiert die nachfolgende Einführung.

Der Band ist Auswahlkriterien verpflichtet, die sich aus den in der Einleitung zu Kulturthema Toleranz (1996) erläuterten Dimensionen einer kulturthematisch akzentuierten und xenologisch ausgerichteten Toleranzforschung ergeben . Die Veröffentlichung der Texte verfolgt das komplexe Ziel, (a) unbekannte und schwer zugängliche Materialien zur Vertiefung der Erforschung des öffentlichen Toleranzgesprächs in Deutschland und der Weiterentwicklung einer kulturwissenschaftlichen Toleranzforschung in Deutschland bereitzustellen, (b) die Entwicklung einer xenologischen Akzentuierung des Toleranzdiskurses in Deutschland nach 1945 zu dokumentieren und (c) die Sammlung als ein toleranztheoretisches Lesebuch vorzulegen, das sich an alle Personen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und internationaler Kulturarbeit wendet, die im pragmatischen Konnex der Internationalisierung der Kontakte ihr Wissen über Toleranz und die Entwicklung der Toleranzdiskussion in Deutschland erweitern oder sich deren Analyse widmen wollen. Beiträge zu naturwissenschaftlichen oder technischen Toleranzfragen sind in dieser Diskussion selten und bleiben in der vorliegenden Anthologie unberücksichtigt.

Unter einer ‚Anthologie' verstehen die Herausgeber im strengen Sinne des Wortes eine Blütenlese; es werden nur solche Ganztexte und Textauszüge präsentiert, die um den Ausdruck Toleranz zentrierte herausragende Überlegungen zum Thema vortragen. Dieses Vorgehen hat mehrere Gründe; textästhetisch ist es zu verantworten, weil es sich bei den Beiträgen in aller Regel um theoretisch-diskursive Wortmeldungen handelt, die nicht unzulässig deformiert werden, wenn man sie im Interesse auch des nichtwissenschaftlichen Lesers auszugsweise abdruckt, statt sie als Ganztexte etwa im diplomatischen Abdruck oder gar historisch-kritisch der Öffentlichkeit vorzulegen; die Schriften der großen Toleranztheoretiker Marcuse, Mitscherlich oder Sternberger liegen ohnehin in Werkausgaben vor.

Hauptgrund dieses Vorgehens ist die Begrenztheit der Forschungskapazität des Projekts. Viele Seme der Toleranzidee wurden im Laufe der Konzeptgeschichte schon infolge des Fremdwort-Charakters des Ausdrucks Toleranz auf Nachbarwörter übertragen, zu denen in Mitscherlichs frühem Essay aus dem Jahre 1951 etwa die Ausdrücke Geduld, Gelassenheit, Offensein zur Welt, Einfühlungsvermögen und Duldsamkeit gehören. Die Erforschung und Dokumentation dieses sehr weiten Konzept- und Denkfigurennetzes konnten im gegebenen Projektrahmen nicht geleistet werden, sie müssen Anschlussuntersuchungen vorbehalten bleiben.

Die Anthologie verfolgt außer ihrem toleranzwissenschaftlichen auch ein bildungspolitisches Ziel. Sie wendet sich an Kulturlehrer in Schule und Hochschule, weil im pädagogischen Toleranzdiskurs xenologische Fragestellungen weitgehend unterblieben sind; von der Pädagogik darf immer noch festgestellt werden, dass sie am xenologischen Bewusstwerdungsprozess kaum teilgenommen hat . Ausnahmen finden sich allenfalls innerhalb der weitgefächerten Diskussion um die interkulturelle Erziehung, doch auch hier ist Fremdheit keine systematische Kategorie pädagogischer, kulturwissenschaftlicher Reflexion geworden . Hans H. Kargs 1989 vorgetragene Kritik trifft nach wie vor zu: Will die Pädagogik heute dort anknüpfen, wo sie in Bezug auf Fremdes und Fremdheit noch kaum hingelangen konnte, so muss sie sich schon anstrengen und Ideen aus ihren Bezugswissenschaften herholen, denn es gibt in ihrer historischen Tradition keinerlei Reflexion über den Umgang mit dem Fremden . Die Herausgeber haben darum, im Einklang mit der konstanten Erinnerung der Texte, dass die Entwicklung von Toleranzfähigkeit nicht zuletzt eine Bildungs- und Erziehungsaufgabe sei, die Begründung einer Toleranzdidaktik also eine der dringlichsten künftigen Aufgaben im Kontext einer interkulturellen Toleranzforschung darstellt, ein entsprechendes Kapitel an den Schluss der Anthologie gesetzt.

Den Inhabern der Rechte an den Texten danken die Herausgeber für die Abdruckgenehmigungen und dafür, dass diese meist kostenlos gewährt wurden. Der Volkswagen-Stiftung gebührt unser Dank für die Gewährung eines Druckkostenzuschusses aus den Projektmitteln und dem Stauffenburg-Verlag für die gute verlegerische Betreuung des Bandes.

Bayreuth, im Herbst 2001

Prof. Dr. Alois Wierlacher, Dr. Wolf Dieter Otto


13.08.2015