Prof. Dr. Wierlacher
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Das Fremde und das Eigene

Herausgegeben von Alois Wierlacher.
München: iudicium 1985. 4.Auflage München 2001, 465 Seiten
(= Publikationen der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik 1)

Titelseite - Das Fremde und das Eigene

Dieses Buch hat man als Grundbuch der Interkulturellen Germanistik bezeichnet. Es versammelt die Beiträge, die beim Gründungskolloquium der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik im Juli 1984 vorgetragen wurden, das Alois Wierlacher zusammen mit dem Institut für Literaturwissenschaft der Universität Karlsruhe veranstaltete. Anwesend war auch der damalige Stellvertretende Generalsekretär des DAAD, Friedrich Wilhelm Hellmann.

Forschung heißt Kooperation und ist eine Funktion von Interpretationsgemeinschaften. Leider tendieren diese Gruppierungen immer mehr zu sich voneinander abschottenden Kartellen. Die Begründung einer interkulturellen Germanistik kann diese fatale Entwicklung nicht aufhalten, ist aber insofern gegenläufig, als es ihr gerade um den Aufbau eines "Gemeinschaftshandelns" über kulturelle Grenzen hinweg geht, das Max Weber 1913 als fundamentale Kategorie aller Soziologie des Verstehens kennzeichnet: "Von ,Gemeinschaftshandeln'", sagt er, "wollen wir da sprechen, wo menschliches Handeln subjektiv sinnhaft auf das Verhalten anderer Menschen bezogen wird".

Wesentliche Voraussetzung und Teil solchen Gemeinschaftshandelns ist nach Weber die Orientierung des Selbst an den Annahmen und Erwartungen vergleichbaren Verhaltens anderer. Das Anknüpfen an andere, das Verknüpfen und Aufeinanderzuknüpfen von Gedanken lässt uns in der Tat ein Netz der Kooperation schaffen, das Isolation aufhebt, kulturelle Dominanz erschwert, die Vielfalt in der Einheit des Faches verankert und die Einheit in der Respektierung dieser Vielfalt möglich macht. Voraussetzung ist allerdings ein geschärftes Bewusstsein der hermeneutischen Voraussetzungen der Wahrnehmung des je Eigenen und des Interpretaments des Fremden. Mit dessen Erörterung wird darum der Band 1 der ,Publikationen der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik" eröffnet.


Aus der Einleitung
"Die moderne Ausbildung übertragbarer wissenschaftlicher Techniken ermöglicht es dem Philologen heute, ob er in Stockholm oder Buenos Aires lebe, tadellose, objektive Leistungen der Wissensvermehrung zu vollbringen, ohne daß wir über das Wie seines Verstehens, über die Bereicherung seines Menschseins, über das eigentlich Humane seiner philologischen Bemühungen aus seinen Schriften direkte Auskunft erhielten. Es kann sehr leicht geschehen, daß in einem Lande technisch fehlerlose Leistungen fortdauern, während das Verstehen selbst schon bedroht ist: wenn z.B. die politische Entwicklung eines Volkes dazu führt, dass seine Philologen die von uns als unerläßlich bezeichnete harmonische Dosierung von Fremd- und Nationalgefühl nicht mehr aufbringen können".

Dieser Satz steht nicht in einer Wissenschaftsanalyse unserer Tage, sondern im Aufsatz des Romanisten Leo Spitzer über Das Eigene und das Fremde aus dem Jahre 1945/461. Seine Mahnung darf als Richtschnur und Programm des vorliegenden Bandes verstanden werden; er beabsichtigt, die Wechselseitigkeit des Selbst? und Fremdverstehens zu verdeutlichen, hermeneutische Besonderheiten germanistischer Arbeit in der globalen Vielfalt der Kulturen zu veranschaulichen und Möglichkeiten interkultureller Literaturlehrforschung zu erproben. Dabei steht aus Beweggründen, die nicht zuletzt wiederum bei Spitzer (mit Blick auf die USA) zu lesen sind, die Außenperspektive auf die deutschsprachige Literatur und Kultur im Zentrum der Erörterungen; denn "die neuere Pragmatisierung allen Unterrichts führt vielleicht noch zu einem Ernstnehmen des Dinglichen an Sprache und Literatur, dessen Kulturwelt oft überschätzt wird (tadellose Aussprache etc.), nicht zu einer inneren Auseinandersetzung mit dem Fremden ? und dieses Manko ist wohl letztlich der Grund der periodischen öffentlichen Angriffe gegen alles Fremdsprachenstudium"2.

Spitzers Kritik, die nach der Erfahrung der nazistischen Verbrechen und ihrer chauvinistischen Ursachen formuliert wird, zielt auf das philologische Übergehen der weltaufschließenden Ausbildung des Ich in der Begegnung mit dem Fremden, die Klärung der Zusammenhänge von Fremdheit und Wohlergehen und das Erkennen der schöpferischen Rolle Fremder im Kulturwandel, die Werner Sombarth in seiner Entwicklungsgeschichte des modernen Kapitalismus zu der Überzeugung kommen ließ, es "wäre eine reizvolle Aufgabe, die gesammte Menschheitsgeschichte unter dem Gesichtspunkt ,des Fremden' zu schreiben"3. Der vorliegende Band setzt mithin eine ehrwürdige Tradition fort, wenn er die Frage nach dem Verhältnis von Fremdem und Eigenem in die Fachdiskussion einführt, wo sie - mit einer Ausnahme - bislang kaum Heimatrecht gewonnen hat, man vergleiche etwa die bisherigen Kongreßberichte von IVG und IDV, die jüngste "Fachgeschichte und Standortbestimmung" aus der Feder eines westdeutschen Germanisten4 oder den neuesten Bericht über die "Amerikanisierung" der amerikanischen Germanistik5.

Zugleich knüpft der Band an die Ausnahme an, von der ich sprach. Ich meine die literaturwissenschaftliche Komponente der jungen Germanistik?Variante Deutsch als Fremdsprache6. Diese Komponente wird zwar von der angeführten Fachgeschichte nicht einmal erwähnt; ihre Existenz widerlegt gleichwohl die ziemlich pauschalen Klagen der letzten Jahre über die totale Paralyse der Germanistik und erweist sich insbesondere unter dem hier erörterten Gesichtspunkt als glücklich und höchst wünschenswert. Denn in einer Zeit, in der sich die Welt technologisch gesehen von Jahr zu Jahr verkleinert und vereinheitlicht, während das Bedürfnis nach Wahrung kultureller Eigenständigkeit und Vielfalt immer größer wird, benötigen wir nicht nur eine binnenkulturelle, sozialwissenschaftlich strukturierte deutsche oder amerikanische Germanistik, sondern auch eine, die als je kulturspezifische zugleich so interkulturell orientiert ist, dass sie im Dialog der Kulturen praktisch werden kann. Dieses Erfordernis gilt allerdings nicht bloß für die Germanistik, sondern für die Geisteswissenschaft überhaupt. Der Gießener Philosoph Odo Marquard kommt darum in seinem jüngsten Vortrag vor der Jahresversammlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz über "Anspruch und Herausforderung der Geisteswissenschaften" zu dem hier resümierten Schluss, die Geisteswissenschaften würden infolge der technischen Neutralisierung geschichtlicher Lebenswelten immer wichtiger, hielten mit ihrer Wichtigkeit aber nicht Schritt7.

Einen Anstoß zu solchem Schritthalten wollen die vorliegenden Beiträge geben. Sie verstehen sich als Explorationen theoretischer und praktischer Voraussetzungen, Bedingungen und Möglichkeiten, die Germanistik um die vernachlässigte interkulturelle Dimension zu erweitern. Es geht also, mit anderen Worten, um eine bestimmte Forschungsrichtung, die entfaltet werden soll. Im folgenden informiere ich in gebotener Kürze zunächst über die Gründung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (1) und stelle dann das Wissenschaftskonzept dar, dem sie sich verpflichtet hat (2) [...].

Zur Gründung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GIG)
Mit Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft veranstalte ich seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen eine "Internationale Sommerkonferenz Deutsch als Fremdsprache", die Muttersprachen- und Fremdsprachengermanisten zur Diskussion gemeinsam interessierender Fragen der Verbindung von Theorie und Praxis des Faches zusammenführt.8 Vom 11. - 13. Juli 1984 fand die Internationale Sommerkonferenz zum vierten Mal statt, diesmal in Zusammenarbeit mit dem Institut für Literaturwissenschaft der Universität Karlsruhe. Der vorliegende Band versammelt mit wenigen Ausnahmen Beiträge, die dieser Konferenz vorgelegen haben. Die fünfzig Konferenzteilnehmer kamen aus allen fünf Kontinenten; Thema des Kolloquiums waren die "differentiae specificae" von Inlands- und Auslandsgermanistik. Ziel der Diskussion war, die in Fremdsprache Deutsch (1980)9 als Forschungsetappe resümierte Diskussion der Besonderheiten der Auslandsphilologie Deutsch zu vertiefen und Probleme zu identifizieren, die in der Forschungs- und Lehrpraxis besonders nachteilig ins Gewicht fallen.

Bereits im Vorfeld dieser Konferenz zeigten sich als solche Probleme die literarische Hermeneutik fremdkultureller Texte und die Wünschbarkeit häufigerer, von nicht-staatlichen Stellen veranstalteter interkultureller Fachgespräche in einem überschaubaren Kreis von Kollegen. Schon früher geäußerten Wünschen, die Sommerkonferenz zu institutionalisieren, konnte und wollte ich nicht entsprechen; daraufhin wurde vorgeschlagen, eine "Gesellschaft für interkulturelle Germanistik"zu begründen. Am letzten Tag der Konferenz fand die konstituierende Sitzung der Gründungsversammlung statt. Die große Mehrheit der Teilnehmer der Sommerkonferenz und in ihrem Umfeld weitere Kollegen aus Deutschland und Österreich erklärten sich zu ihren Gründungsmitgliedern; der Herausgeber des vorliegenden Bandes wurde zum Gründungsvorsitzenden gewählt. Inzwischen zählt die Gesellschaft mehr als hundert Mitglieder aus aller Welt.

Was heißt "interkulturelle Germanistik"?
Die Gesellschaft für interkulturelle Germanistik ist kein Verband, sondern eine Forschergemeinschaft, die eine praxisorientierte, um Fragestellungen einer regionalen und vergleichenden Kulturwissenschaft erweiterte Philologie des Deutschen anstrebt. Die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder wird geprägt von der Absicht, die wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit mit Möglichkeiten kulturellen Austausches zu verknüpfen und die Erkenntnischancen zu nutzen, die in der Unterschiedlichkeit der kulturellen Ausgangspositionen liegen. Unter interkultureller Germanistik verstehen wir eine Wissenschaft, die die hermeneutische Vielfalt des globalen Interesses an deutschsprachigen Kulturen ernst nimmt und kulturvariante Perspektiven auf die deutsche Literatur weder hierarchisch ordnet noch als Handicap einschätzt, sondern als Quelle zu besserem, weil multiperspektivischem Textverstehen erkennt und anerkennt. Im Miteinanderverstehen sehen wir zugleich einen Weg zu genauerem Selbstverstehen, weil es erkenntnisfördernde Fremdstellungen des je eigenen Standorts einschließt und verlangt.

Im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit der Gesellschaft steht die literarische Komponente des Gesamtfachs, weil wir glauben, dass der Literatur und ihrer Vermittlung in der Ausbildung interkultureller Verstehenskompetenzen eine besondere Rolle zukommt, und weil es im Gegensatz zur Sprachforschung kaum wissenschaftliche Vereinigungen gibt, die sich die Literaturforschung und interkulturelle Literaturvermittlung zur Aufgabe gemacht haben. Sprachforschung und Sprachlehrforschung bleiben in ihrer Relevanz für diese Zielsetzung bedeutend. Was methodologisch als vorläufige Arbeitshypothese unter interkultureller Germanistik zu verstehen sei, gibt die Selbstdarstellung der Gesellschaft an:

"Soweit sich die Geschichte der Kulturen überblicken läßt, lernt eine Kultur von der anderen und grenzt sich zugleich von ihr ab. Das Fremde wird so zum Ferment der Kulturentwicklung. Dieses produktive Wechselverhältnis von Fremdem und Eigenem vermag auch die Germanistik zu nutzen, wenn sie sich mehr als bisher auf die kulturelle Vielfalt ihrer Bedingungen besinnt. Außerdem kann interkulturelle Germanistik ethnozentrische Isolierung überwinden helfen, indem sie das Bewußtsein von der hermeneutischen Funktion dieser Vielfalt fördert. Sie lehrt, kulturelle Unterschiede zu respektieren und ihre Erkenntnis zum besseren Verständnis der eigenen und der fremden Kultur zu nutzen. Auf dieser Grundlage konstituiert sich interkulturelle Germanistik als Teil einer angewandten Kulturwissenschaft."10

Die Entwicklung der Verfahren, die nötig scheinen, um diese Zielsetzung zu verwirklichen, ist eine Forschungsaufgabe der kommenden Jahre. Die Richtung aber, in der sie erfolgen muss, geben die Beiträge des vorliegenden Bandes vor: es gilt, die Textphilologie Deutsch zu einer Philologie der Kulturbegegnung zu erweitern. Nicht von ungefähr erörtert darum der Eingangsaufsatz des vorliegenden Bandes Hauptfragen einer interkulturellen Germanistik am Fallbeispiel der Variante Deutsch als Fremdsprache. Denn in dieser Spielart der Germanistik wird die Notwendigkeit ,harmonischer Dosierung" des Fremd- und Selbstverstehens besonders dringlich erfahren, weil sich das Fach von allen anderen Varianten der Germanistik vor allem durch seine multikulturellen Adressatengruppe und die Brückenstellung zwischen Inlands- und Auslandsgermanistik unterscheidet, die ihm mit der Folge an beiden Anteil gibt, dass es, genau genommen, ein Mehr, nicht ein Weniger an Germanistik darstellt.

Nun ließe sich einwenden, für die grundsprachliche Germanistik innerhalb des deutschen Sprachraums sei die Binnenperspektive so natürlich, dass ihr nicht ohne weiteres zugemutet werden könne, ihren Gegenstand prinzipiell und methodisch zu verfremden, mit fremden Augen zu sehen. Das muss indessen wenigstens in einem Teil des Faches um der Praxis willen, wie Harald Weinrich in Fremdsprache Deutsch (1980) betont, dennoch geschehen. Auch dazu will der vorliegende Band erneuten Anstoß geben, zumal die Suche nach den Möglichkeiten der Erweiterung muttersprachlicher und fremdsprachlicher Germanistik zu einer interkulturellen Disziplin auch zu tun hat mit der Befähigung des Faches zur sinnvollen Orientierung der jungen Generation in einer multikulturellen, interdependenten Welt der internationalen Beziehungen. Germanisten als kulturelle Mittler auszubilden, wäre ein Ausbildungsziel, das keineswegs nur für künftige Mitarbeiter des Goethe-Instituts und vergleichbarer Institutionen anderer Länder angemessen wäre, wie Robert Picht, Überlegungen in Fremdsprache Deutsch fortführend, im vorliegenden Band verdeutlicht. Methodologisches Prinzip wäre in jedem Fall der Blick von innen und von außen; Anerkennung der Alterität würde zur Voraussetzung der Konturierung von Identität. Der von Bernd Thum herausgegebene Band 2 der ,Publikationen der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik" thematisiert unter der Frage nach dem kulturellen Erbe vorbereitende Überlegungen solcher Möglichkeiten der Erweiterung muttersprachlicher Germanistik. Der für 1987 geplante erste Kongress der Gesellschaft wird sich dezidiert mit entsprechenden Problemstellungen befassen.

16.08.2015