Prof. Dr. Wierlacher
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Fremdsprache Deutsch

Grundlagen und Verfahren der Germanistik als Fremdsprachenphilologie.

Herausgegeben von Alois Wierlacher. 2 Bände, München: UTB 1980, 618 Seiten

Fremdsprache Deutsch 1Diese beiden Bände haben in der neueren Wissenschaftsgeschichte den 'cultural turn' und den ‚xenological turn' der ‚Auslandsgermanistik' eingeleitet und sich zugleich gegen den kollektivistischen Begriffe ‚Inlands- und Auslandsgermanistik' gewandt. Statt die Germanistik in nichtdeutschsprachigen Ländern an den Dimensionen einer als Nationalphilologie strukturierten Muttersprachengermanistik zu orientieren und zu messen, begründen die beiden Bände die weltweiten German Studies (a) als kulturell vielgestaltige germanistische Fremdsprachenphilologie verstanden, betten sie (b) in den Handlungshorizont der interkulturellen Kommunikation ein und konturieren sie (c) als Fremdkulturwissenschaften mit Eigenschaften einer vergleichenden Kulturanthropologie. Die Bände sind sei langem vergriffen; die Einleitung ist zuletzt in Alois Wierlacher: Architektur interkultureller Germanistik. München: iudicium 2001 abgedruckt worden. Da die Lage des Faches innerhalb und außerhalb Europas infolge des dramatischen Rückgangs der Fachstudentenzahlen erneut aktuell geworden, diese Misere aber im Kontext der Bologna-Beschlüsse und der Universitätsreformen auch als Chance genutzt werden könnte, die überkommenen Fachkonzepte zu überdenken, wird im folgenden aus diesem Nachdruck wieder eine Passage vorgelegt, die möglicherweise einen hilfreichen Fingerzeig der Entwicklungsrichtung des Faches geben kann.

Von der ‚internationalen' zur kulturkontrastiven Germanistik.

Die Statistiken zur Situation der Gastarbeiter und der Immatrikulationen an den Hochschulen machen gleichermaßen deutlich, dass im weiten, vielfältigen Studienbereich des Deutschen die wirtschafts- und industrieorientierten Angebote im Vordergrund des Interesses stehen. Das Studienfach der Germanistik hat an dieser Nachfrageentwicklung so gut wie gar nicht partizipiert; auch ein relativ glimpflicher Verlust, wie in Australien, bleibt ein Verlust. Um so mehr fällt auf, dass in einem südamerikanischen Land, mit dem die Bundesrepublik Deutschland außerordentlich intensive Wirtschaftsbeziehungen verbindet, die Zahl der Germanistikinteressenten, wenn auch geringfügig, gestiegen ist. Die deutsche Wirtschaft ist in kaum einem anderen sogenannten Entwicklungsland so stark vertreten wie in Brasilien. Von allen deutschen Investitionen in Lateinamerika sind rund 56% in diesem Lande registriert. Außerdem ist die Bundesrepublik der zweitwichtigste Kunde bzw. der viertwichtigste Lieferant Brasiliens. Und die Germanistik des Landes hat sich eine bemerkenswerte Ausweitung ihrer Angebotspalette einfallen lassen . Dies Beispiel macht deutlich, dass das Fach selbst an seiner Situation mitschuldig ist. Es kann sich auch nicht entlasten durch Hinweise auf die Frustration, die die deutsche Germanistik nach Erhebungen von Brigitte Gerstein insbesondere französischen Stipendiaten verursacht; es nützt auch wenig, die diffusen Erfahrungen tausender jüngerer amerikanischer Studenten zu beklagen, die in ihrem Junior Year nach Deutschland kommen. Die geringe Popularität des internationalen Faches Germanistik, die in den letzten Jahren nicht wesentlich abgenommen hat, ist eine Funktion zunächst der Fachstruktur selbst. Die Germanistik des Auslands hat sich erst in Ansätzen - zu den Bemühungen sind u.a. Initiativen in USA, Frankreich, Schweden, Japan, Australien, Ungarn und Südafrika zu zählen - von der oft nur statusbedingten Vorbildlichkeit der deutschen Germanistik gelöst, deren primärsprachenphilologischen Charakter man übersah, verkannte, verdrängte, wie man die eigene fremdsprachliche Situation überging. Man hat die eigenen Lehr- und Forschungsaufgaben bisher so gut wie gar nicht aus der fremdkulturellen Perspektive der Auslandsgermanistik gewonnen; die Neugründungen germanistischer Zeitschriften des Auslands wahrend des letzten Jahrzehnts weichen kaum von dieser Linie ab. Mit anderen Worten: das Fach hat es unterlassen, sich in Forschung und Lehre auf den Umstand zu besinnen, dass es schon deshalb adressatenorientiert, also lernerzugewandt arbeiten muss, weil jede Wissenschaft nur zum Teil auf der ihr eigenen Fragedynamik, zum anderen aber aus den Vorgaben der soziokulturellen Umfelder ihre Fragestellungen gewinnt, die auch ihre Qualität als gesellschaftliche Institution berühren. Der Wissenschaftsbegriff wurde häufig nicht am Lerner- sondern am Lehrerinteresse orientiert, oft genährt vom Statusbedürfnis, sich wie ein deutscher Professor zu bewegen. So "gibt es viele Deutsche", schreibt Theodore Ziolkowski zu den Verhältnissen nicht nur in den USA, "die seit Jahren schon an ausländischen Universitäten die Germanistik betreuen und trotzdem genauso provinziell geblieben sind, als wenn sie die Heimat nie verlassen hätten. Sie halten ihre Vorlesungen ausschließlich auf deutsch, sie schreiben ihre Aufsätze in deutscher Sprache für deutsche Zeitschriften, sie haben keinen lebendigen Kontakt zur Kultur, in der sie leben, und richten sich nach dem, was sie im SPIEGEL lesen oder von Gastprofessoren aus der Bundesrepublik begierig aufschnappen" . Immer noch wird das Theorem einer adressatenunspezifischen Wissenschaft von Konzepten wie 'internationale Germanistik' genährt, als sei dieses Fach der Ingenieurwissenschaft vergleichbar, für die in jedem Teil der Erde die gleichen mathematischen Gesetze gelten. Dabei hatte doch der Grundgedanke schon der Hermeneutik von der Vorurteilsgebundenheit allen Textumgangs, dass also jeder Leser immer schon von seiner Position her liest, er immer schon von seinen Wertsetzungen her dem Text Bedeutungen zuweist, die internationale Germanistik dazu bringen müssen, sich auf ihre Adressatenorientiertheit zu besinnen. Die Notwendigkeit eines Paradigmawechsels ist unbestreitbar. Germanistik als Lehrfach ist zu begreifen als lernerzugewandte Wissenschaft und muss sich als vergleichende Fremdkulturwissenschaft strukturieren.

Wie jede andere Institution der Gesellschaft ist auch die Wissenschaft der Dialektik von Nachfrage und Angebot unterworfen; es wird dem Fach nichts genommen, wenn es diese Abhängigkeit berücksichtigt; es gewinnt höchstens an Freiheit, sie zu gestalten. Denn auch in einer lernerzugewandten Wissenschaft ist die Freiheit des Einzelnen Voraussetzung von Lehre und Forschung. Sie muss nur als qualitative Differenz zur Angebotswillkür begriffen, mit anderen Worten: sie muss im Sinne Kants als Selbstbindung ausgeübt werden. Eine dieser Selbstbindungen erscheint mir im Bereich der Organisation des fremdsprachlichen Deutsch-Studiums dringend nötig: da davon ausgegangen werden muss, dass die möglichen Berufsfelder der Lernenden in aller Regel keineswegs fest konturiert sind, also komplexe Kenntnisse vermittelt werden müssen, empfiehlt es sich nicht nur mit Rücksicht auf den interdisziplinären Charakter unseres Faches, sondern auch auf die späteren Möglichkeiten der Absolventen, das Ausbildungsfach sowohl in Kurz- sowie Langstudiengängen grundsätzlich im Rahmen von berufsfelderschließenden Fächerkombinationen als Haupt- oder als Komplementfach aufzubauen. Das wird hier und da enorme Umstellungen erfordern, aber ohne diese Umstellung wird es in der Regel nicht abgehen.

Ein anderes Ausbildungsproblem, das im Zusammenhang mit dem Paradigmawechsel des Faches größere Beachtung verdiente, ergibt sich aus einem Umstand, den man weithin vergessen hat: das Fach lebt insonderheit in den deutschsprachigen Ländern und in Bezug auf die ausländischen Studenten von der Jahrtausende alten Hochschätzung der Auslandsausbildung. In diesem Tatbestand steckt vielleicht das größte Ausbildungsproblem, weil es bis in die Lektüreplanung der literarischen Komponente des Faches reicht. Sich im Rahmen der Aktivierung der interkulturellen Kommunikation der Hochschätzung der Auslandsausbildung wieder zu vergewissern und sie zu einer der Quellen zu machen, aus denen das Fach seine Lehrangebote und Forschungsaufgaben zieht, ist zwar eine Aufgabe, die sich insbesondere für das Fach Deutsch als Fremdsprache in Deutschland stellt; hier fehlt es überall an geeigneten, curricular hinreichend begründeten Angeboten. Es betrifft aber auch die Auslandsgermanistik selbst, die jährlich Tausende von Studenten in die deutschsprachigen Länder schickt. Die kategoriale Vorbereitung dieses Auslandsaufenthalts lässt vielfach außerordentlich zu wünschen übrig; umgekehrt ist die Mehrzahl der aufnehmenden Lehrkräfte auf diese Aufgabe so gut wie gar nicht vorbereitet. Es gehört zur vordringlichen Ausbildungs-Arbeit des Faches, durch Fortbildungsveranstaltungen der Lehrenden entsprechende Kenntnisse und Einstellungen zu schaffen.

Ausgehend vom obersten Lernziel der Kulturmündigkeit und den Selektionsprinzipien, von denen die Rede gewesen ist, obliegt es dem sich begründenden Fach, auch einen neuen Bildungsbegriff zu erarbeiten, der die Nützlichkeitsdimension des Faches nicht in der unmittelbaren Anwendungsfähigkeit von Fertigkeiten erschöpft. Ohne in bürgerliche Bildungsbegriffe zurückzufallen, ist es erforderlich, sich neu zu besinnen über die Funktionen von Fremdsprachen- und Fremdkulturstudien. Das Fach muss also den Begriff des Nutzens neu definieren und diese Neudefinition in das Gespräch der jeweiligen Öffentlichkeiten einführen. Dabei wird Bildung nicht im besitzbürgerlichen Sinne begriffen werden können, sondern als Fähigkeit, sich über sich selbst Auskunft geben zu können und damit auch über die eigene kulturelle Umgebung und die sie tragende Welt. Die eigenkulturelle und fremdkulturelle Kompetenz, die im obersten Lehrziel der Kulturmündigkeit festgemacht worden ist, ist insofern, ethisch gewendet, als menschliche Kompetenz zu beschreiben, der Weltoffenheit entspricht, was nichts anderes heißt als Offenheit für divergierende Ansichten, Formen, Interessen ebenso wie für die eigenen. Insofern ist Bildung nicht nur ein Weg nach innen, sondern immer auch ein Weg nach außen. zur politischen, zur sozialen und wirtschaftlichen, zur ästhetischen Kultur.

Zu dieser Neubegründung des Bildungskonzepts gehört eine Aufgabe des Faches, die sich aus seinem Paradigmawechsel ebenso ergibt wie sie diesen Wechsel mitbegründet. Das Fach wird sich aus gegebenem Anlass damit vertraut machen, auch einen Beitrag zu einem kategorialen und stofflichen Allgemeinwissen zu leisten. Dieses Erfordernis resultiert erstens aus den Vorbildungsdifferenzen der Lernenden; es betrifft insbesondere das mit multi-kulturellen Lernergruppen arbeitende Fach in deutschsprachigen Ländern. Es ergibt sich zweitens aus seinem Globallehrziel einer Kulturmündigkeit, die ohne dieses Wissen unerreichbar ist. Es folgt drittens aus dem Erfordernis eines gewissen enzyklopädischen Wissens, das den produktiven Umgang mit Literatur erst möglich macht.

Damit komme ich zum letzten anzuschneidenden Ausbildungsproblem. Wenn oberstes Lehrziel der Aufbau einer Kulturmündigkeit ist, die Eigen- und Fremdkultur umfasst, wenn das Fach in den Handlungshorizont der interkulturellen Kommunikation hineingehört, wenn schließlich die Kultur-Kontrastivität auch als Prinzip des literaturwissenschaftlichen Arbeitens sowie der kulturpolitischen Situierung des Faches zu gelten hat, dann ist sein Absolvent als Landeskenner und zugleich als Mittler zwischen den Kulturen, als ein 'interpreter of culture', auszubilden, gleichgültig, ob sein späteres Praxisfeld der Lehrberuf, die Wirtschaft, der Tourismus, die Verwaltung o.a. sein wird.

17.08.2015