Prof. Dr. Wierlacher
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Zur Person

Prof. Dr. Wierlacher
  • Professor a.D. für Interkulturelle Germanistik an der Universität Bayreuth
  • Gründer des ersten deutschen Universitätsstudiengangs für interkulturelle Germanistik
  • Gründer und langjähriger Hauptherausgeber des Jahrbuchs Deutsch als Fremdsprache (Intercultural German Studies)
  • Gründer und Ehrenmitglied der Akademie für interkulturelle Studien (Würzburg)
  • Mitbegründer und früherer Vorsitzender der Deutschen Akademie für Kulinaristik
  • Gründer und langjähriges Vorstandsmitglied des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens (Heidelberg)
  • Honorarprofessor der Universität Karlsruhe
  • Honorarprofessor der Universität Qingdao (China)
  • Experte des Freistaats Bayern für den Aufbau des Instituts für interkulturelle Germanistik an der Universität Qingdao im Rahmen der Wissenschaftskooperation Bayern- Shandong (China)
  • 2008 Gründungvorsitzender des Kulinaristik-Forum, Netzwerk für Wissenschaft, Kultur und Praxis
  • 2011 Senior Advisor der Deutschen Abteilung der Beijing Foreign Studies University im Status eines Ständigen Gastprofessors der Universität
  • Langjähriges Mitglied in Beratungsgremien (Goethe-Institut, Volkswagen-Stiftung, Wissenschaftsrat)
  • Autor zahlreicher Fachpublikationen.


Dr. Andrea Bogner
Zur Verabschiedung von Professor Alois Wierlacher am 13. Juli 2001
In: Spektrum 3/2001, S. 28-29


Ein Zukunftsmodell ist immer seiner Zeit voraus

Am 13. Juli wurde einer der national und international anerkannten originellen Wissenschaftler, Anreger, lehrreichen Hochschullehrer, Erfinder, innovationsfähigen Baumeister, Manager und Freunde unserer Universität in den Ruhestand verabschiedet; Professor Dr. Alois Wierlacher. Vizepräsident Professor János Riesz hat ihn mit hochschulkritischem Hintersinn als ein Zukunftsmodell bezeichnet - ein größeres Lob lässt sich kaum formulieren.

Seine Lehrjahre an der UCLA in Kalifornien und zahlreiche Gastprofessuren auch in den Spitzenuniversitäten der Welt wie Princeton oder Tsukuba (Tokyo) machten Professor Wierlacher zu einem weltoffenen Zeitgenossen, zu dessen Credo der Satz gehörte, den wohl alle seine Studenten und Mitarbeiter in ihrem Gedächtnis behalten werden: "It's up to you." Jede qualitative, also immer auch anregende Initiative ließ ihn aufblühen, bereitete dem Produktivitätsbedürfnis seiner eigenen Kreativität sichtbare Lust. Studenten und Mitarbeiter durften bei ihm eigentlich alles unternehmen, nur eines nicht: nichts tun oder miserable Arbeiten abliefern.

Professor Wierlacher hat sein angestammtes Fach, die Germanistik, ganz im Sinne der Erwartungen seines ähnlich bekannt gewordenen akademischen Lehrers Richard Alewyn durch die Begründung einer interkulturellen Germanistik historisch verändert. Sie ist nicht im stillen Kämmerlein oder am grünen Tisch, sondern in eben dem Milieu der Kooperation entworfen worden, das Wierlacher fast jedes Jahr im Ausland gesucht hat, um seine Überlegungen den ausländischen Kollegen zur Prüfung vorzulegen, in denen er seine wahren Partner sah - während ihn manche deutschen Kollegen nur ‚wieder einmal reisen' sahen.

Heute gehört die interkulturelle Germanistik zu den wenigen erfolgreichen Neuentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland, die sich weder Importen noch dem üblichen Theoriewechsel, sondern einer weltumspannenden Gemeinschaftsleistung eines Orchesters verdanken, dem er immer wieder als Dirigent und Anreger vorstand. Lange vor dem cultural turn der Humanwissenschaften hat Wierlacher die interkulturelle Germanistik als kulturwissenschaftliche Disziplin konzipiert, die auf interdisziplinäre Zusammenarbeit angewiesen ist.

Im Rahmen eines seiner vielen Gastseminare sind Anfang der siebziger Jahre an der Nehru-University in New Delhi (Indien) die ersten Ansätze formuliert worden. 1984 in gemeinsamer Arbeit von Wissenschaftlern vieler Länder als Thema einer wissenschaftlichen Gesellschaft formalisiert, geht ihre Konzeption von der Kultur(en)gebundenheit germanistischer Arbeit in Forschung und Lehre aus; sie versteht sich als disziplinäre oder interdisziplinäre Fremdkulturwissenschaft mit Eigenschaften einer vergleichenden Kulturanthropologie, die als Teil und Beitrag zur interkulturellen Kommunikation im Dialog der Kulturen praktisch wird; sie hält die kulturelle Vielfalt der wissenschaftlichen Interessen, Fragestellungen und Annäherungsweisen nicht für einen Nachteil, sondern für einen Vorteil der wissenschaftlichen Arbeit und verfolgt das Ziel, ihre Studierenden aus aller Welt zu Berufen in der internationalen Zusammenarbeit zu befähigen. Inzwischen gibt es Professuren, Studienprogramme und Institute für interkulturelle Germanistik im In- und Ausland.

Den großen Spannungsbogen seiner Wirkung als Professor spiegelte das internationale wissenschaftliche Abschiedskolloquium "Blickwinkel der Interkulturalität", zu dem sich Freunde und Forscherkollegen aus ganz Deutschland, aus Tschechien, Großbritannien, Holland, Dänemark und Quina in Bayreuth eingefunden hatten. Ausgehend von den literaturwissenschaftlichen Ausgangspunkten der Theoriebildung interkultureller Germanistik mit einem Beitrag zu Lessings "Nathan der Weise" wurde das breite Spektrum der Kulturthemenforschung mit namhaften Wissenschaftlern unter ihnen der Inhaber des UNESCO-Lehrstuhl für Menschenrechtserziehung, Prof. Dr. K. Peter Fritzsche, mit einem Beitrag zu Fragen der Toleranz bis zu Überlegungen zu Interkultureller Kompetenz als Grundausstattung für das 21. Jahrhundert aufgefächert. Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der von Professor Wierlacher ins Leben gerufenen interdisziplinären, interuniversitären und internationalen Instituten und Kooperationen. Prof. Dr. Arnold Zingerle (Bayreuth), Gründungs- und Vorstandsmitglied des IIK-Bayreuth, gab einen Einblick in die eindrucksvolle Bilanz des jungen Instituts für internationale Kommunikation und auswärtige Kulturarbeit, auf dessen Basis unter anderem viele der wichtigsten Beiträge zur Bayreuther Kulturthemenforschung interkultureller Germanistik entstanden sind.

Zu den wichtigsten von Professor Wierlacher betreuten Programmen zählt der Studiengang für interkulturelle Deutschstudien an der Universität Qingdao, dessen Leiter, Prof. Dr. Liu Dezhang, die große Resonanz des Qingdaoer Modells innerhalb der chinesischen Germanistik in seinem Vortrag zum Ausdruck brachte und den Ton für die lange Reihe der Laudationes setzte, in deren Verlauf von Regierungspräsident Hans Angerer auch noch eine bildungspolitische Neuheit in Oberfranken, die German Academy for Culinary Studies, aufgetischt wurde, bei deren Zustandekommen wiederum Professor Wierlacher ‚die Hand im Spiel hatte'. Er hat sich ja immer wieder darüber geärgert, dass die Humanwissenschaften in ihrer für ihn unsinnigen Konzeption als Geisteswissenschaften wichtige anthropologische Fragen wie das Essen übersahen, das für die Menschen nicht nur ein Problem der Ernährung, sondern auch ein konstitutiver Teil ihrer Feste ist. Denn "Feste" - so zitierte Frau Professor Link-Heer ihren literaturwissenschaftlichen Kollegen, "sind zentrale Stätten der affirmatio vitae, der affektiven Selbstbegründung des Einzelnen im Konnex der Wertschöpfung und Gemeinschaftsbildung der Kulturen; Feste heben die flüchtige Zeit auf und sammeln sie in der Lebenssicherheit simulierenden Rhythmik ihrer Wiederkehr, die auf Zukunft gebaut ist."

In seiner Abschlussrede "Willkommen und Abschied" wandte sich Professor Wierlacher besonders an seine Studierenden und dankte vor allem den ausländischen Kommilitonen für ihr Dasein; seit seiner kalifornischen Lehrzeit und den Heidelberger Anfängen habe er die Bedeutung ausländischer Studierender für einen deutschen Campus erkannt und sei zuversichtlich, dass die interkulturelle Germanistik auch angesichts der Informationsüberflutung der rasanten Wissensvermehrung und des immer geringer werdenden Zeitwerts großer Teile unseres Wissens den neuen Bildungsherausforderungen gewachsen sein wird und "sie" - so Alois Wierlacher - "zu Spezialisten mit generellen Kompetenzen ausbilden wird".

In einem Brief des Fachbereichsrats anerkennt seine Fakultät die außerordentlich bereichernde Leistung. Was bleibt, ist in der Tat außergewöhnlich: ein ab ovo aufgebautes neues wissenschaftliches Fach mit nationaler und internationaler Reputation, ein interdisziplinäres Institut für internationale Kommunikation und auswärtige Kulturarbeit (IIK Bayreuth) mit einer Sommeruniversität, die sich ebenfalls ein beachtliches Renommee erworben hat, zwei Akademien - eine in der Tat sehr ungewöhnliche Bilanz, die in dem statt einer ungewollten Festschrift vorgelegten Band Architektur interkultureller Germanistik nachzulesen ist.

13.08.2015