Prof. Dr. Wierlacher
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Kulturthema Kommunikation
Konzepte, Inhalte, Funktionen

Festschrift und Leistungsbild des Instituts für internationale Kommunikation und auswärtige Kulturarbeit (IIK Bayreuth) aus Anlass seines zehnjährigen Bestehens 1990-2000. Möhnesee: Résidence Verlag 2000, 495 Seiten. Herausgegeben von Alois Wierlacher.

Das im Juli 1990 gegründete Institut, dessen Leistungsbild der Band präsentiert, geht auf Initiativen des Herausgebers zurück; er hat es bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 2001 geleitet.

Die Inaugurationsfeier des Instituts ist bereits in dem Band Kulturthema Fremdheit (1993) dokumentiert worden, weil das Institut ursprünglich als Universitätseinrichtung gedacht war, die sich primär der Fremdheitsforschung in Kooperation mit den Mittlerorganisationen der auswärtigen Kulturarbeit widmen sollte. An der Eröffnungsfeier hatten darum auf Einladung des Herausgebers sowohl der damalige Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes als auch der Generalsekretär des Goethe-Instituts und der Stellvertretende Generalsekretär des DAAD teilgenommen. Die Gründungsfeier war eingebettet in das interdisziplinäre Kolloquium zum Thema "Fremdheitsbegriffe der Wissenschaften", das der Herausgeber als Grundlegung der interdisziplinären Fremdheitsforschung, gefördert von der Volkswagen-Stiftung, vorbereitet und veranstaltet hatte; Corinna Albrecht hat im Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache (1992) über das Kolloquium berichtet.

Als Präsidenten des seit 1992 in der Rechtsform eines gemeinnützigen Vereins aufgebauten Institut hatte der Herausgeber Herrn Detmar Grosse-Leege gewonnen. Er hat die Festschrift finanziert und die Drucklegungsvorbereitungen geleistet, er wollte das Buch auch herausgeben. Doch seine plötzliche Krebserkrankung und der wenige Monate später frühe Tod verunmöglichten dieses Vorhaben. Schon am von ihm noch vermittelten Vortragsbesuch des DaimlerChrysler Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp konnte Detmar Grosse-Leege nicht mehr teilnehmen.

In seiner Vertretung und zu seinem Gedächtnis hat der Herausgeber seine editorische Arbeit geleistet.

Vorwort und Einführung

1. Absicht und Funktion des Bandes
Das Institut für internationale Kommunikation und auswärtige Kulturarbeit (IIK Bayreuth) feiert am 12. Juli 2000 sein zehnjähriges Bestehen und legt dieses Buch als Festschrift und Leistungsbild vor. Es enthält ausschließlich Beiträge, die im Konnex der Institutsarbeit entstanden sind.

Konzeptualisierungen erfolgen in bestimmten Zusammenhängen und unterliegen bestimmten Bedingungen, zu denen die Rahmenprobleme der Zeit gehören. Eines von ihnen ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Frage der Kommunikation. Sie ist infolge der gesellschaftlichen und medientechnischen Veränderungen unserer Welt zu einem ‚Kulturthema' im präzisen Sinne des Wortes geworden.

Als 'Kulturthema' bezeichnet das Institut im Anschluss an die interkulturelle Germanistik ein Thema, das im öffentlichen Selbst- und Weltverständnis einer oder mehrerer Kulturen zu einem bestimmten Zeitpunkt besondere Bedeutung gewinnt. Kulturthemen können sich entwickeln, weil Kulturen begrenzte Themenhaushalte besitzen, die aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung und unterschiedlichen Wirklichkeitskonzepte zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche kulturelle und universalistische Lebensfragen und -bereiche ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken, ihre Gegenthemen haben und erst in dieser Spannung - zum Beispiel des Fremden und des Eigenen - wirksam werden.

Der Titel des Bandes will an diese komplexen Zusammenhänge erinnern, doch seine primäre Aufgabe ist, die zehnjährige Forschungsarbeit des IIK Bayreuth angemessen zusammenzufassen. Diese Tätigkeit ist als Bedingungsforschung interkultureller Kommunikation konzipiert und geleistet worden: alle vom IKK bearbeiteten großen Themen Fremdheit, Essen, Toleranz, Höflichkeit und Arbeit sind essentielle Teile des ‚Kulturthemas Kommunikation'.

Das Wort Kommunikation wird im wissenschaftlichen und vorwissenschaftlichen Sinne genutzt; die Vielfalt seiner Verwendung lässt sich schon in der deutschen Sprache kaum mehr überblicken. Wir unterscheiden zwischen verbaler und , stärken unsere Kommunikationsfähigkeit mit Hilfe moderner Kommunikationstechnik, interessieren uns für Kommunikationsgewohnheiten, betreiben Kommunikationsforschung, analysieren Kommunikationsprozesse, untersuchen Kommunikationsbedingungen und Kommunikationssprachen, sehen in unserer Kommunikationskompetenz eine Schlüsselqualifikation, thematisieren Kommunikationsfertigkeiten und das Management von Kommunikationsschwierigkeiten oder die Senkung von Kommunikationskosten. Wir wünschen uns zwischenmenschliche Kommunikation und kommunikative Souveränität, analysieren die Medienkommunikation, die literarische Kommunikation und die Unternehmenskommunikation. Bestimmte Mitmenschen im öffentlichen oder privaten Leben betrachten wir als unsere Kommunikationspartner. Wir trennen Kommunikation von Information und diese von Wissen und fragen schließlich nach den Prinzipien der Kommunikationskultur, weil unsere Alltagskommunikation uns täglich neu vor Augen führt, wie schwer es ist, das Lied der Kommunikation zum Klingen zu bringen.

Die Institutsmitglieder und Beiträger des vorliegenden Bandes folgen keineswegs einem gewissermaßen als Leitlinie und corporate identity des Instituts vorgegebenen Begriff von Kommunikation und Interkulturalität. Sie stimmen aber, so weit ich sehe, in der Ansicht überein, dass internationale und interkulturelle Handlungskompetenz nicht wechselseitig auf einander reduzierbar sind und Interkulturalität nicht die Auflösung kultureller Verschiedenheiten in ein Allgemeines, sondern nur die Akzeptanz eines universell gültigen Konzepts bedeuten kann, das zugleich die Wahrung historischer Besonderheiten in einzelnen Kulturen und Regionen ermöglicht.

Wie eine Melodie mehr ist als die Summe ihrer Töne, so ist das vorliegende Buch mehr als ein Sammelband aus besonderem Anlass. In die Hand genommen, so hoffen wir, ist es zunächst ein ästhetisches Vergnügen. In seiner inhaltlichen Eigenschaft verfolgt es das Ziel, unsere Begriffe von Kommunikation zu schärfen, indem es daran erinnert, dass kommunikatives Handeln soziokulturell verankert ist und im Sinne des lateinischen Ursprungswörter communio und communicare nicht nur etwas mitteilen, sondern auch das Stiften von Gemeinsamkeiten meint. In diesen spielen Emotionalität und Sicherheitsbedürfnisse der Menschen eine große Rolle. Schon 1985 hat Robert Picht im Begründungsband der interkulturellen Germanistik (Das Fremde und das Eigene, 4. unveränderte Auflage München 2000) auf die große Rolle und Funktion von Kommunikation als Vertrauensstiftung in der globalen Wirtschaftskommunikation verwiesen. In eben dieser Bedeutung gewinnt Kommunikation derzeit als Konstitution von Partnerschaft weltweit eine neue Dimension, nachdem im Kontext der Internationalisierungs- und Globalisierungsprozesse auch das Verhältnis zwischen Eigenem und Fremden neu zur Debatte steht.

Der Band dient ferner dem Zweck, zum verstärkten Nachdenken darüber anzuregen, was es heißt, internationale und interkulturelle Kommunikation von Deutschland aus zu begründen, zu analysieren und zu fördern. Interkulturalität setzt eine eigene kulturelle Position und ein geschärftes Wissen (cultural awareness) von dieser eigenkulturellen Ausgangsposition und der Kulturgebundenheit unserer Blickwinkel voraus, so dass eine kulturwissenschaftliche und xenologische Erforschung der Kommunikationsbedingungen und eine entsprechende Fundierung der Kommunikationsforschung angezeigt ist.

Kommunikation teilt die Welt nicht nur mit, sie teilt sie auch ein, gibt Niklas Luhmann zu bedenken. Insofern wendet sich der Band gegen Kommunikationseuphorien und die Inflation des Redens von und über Kommunikation, das oft nur dazu dient, nicht kommunizieren zu müssen oder die Ein- und Aufteilung der Welt zu verbergen. Wissenschaftliche Kongresse verdeutlichen oft genug, wie solche Einteilungen ganz praktisch vorgenommen werden. Die einen reden mit gewohntem Tempo in ihrer Muttersprache, die anderen unterbrechen ihre redefreudigen Kollegen schon aus Höflichkeit nicht - die Details solcher asymmetrischen Kommunikationssituationen sind bekannt genug. Derartige Fragwürdigkeiten will das Institut künftig verstärkt analysieren und aufbrechen; denn als besondere Form der Rede bezieht die Gesellschaft auch Schweigen in die Kommunikation ein - etwa im Sinne des zuhörenden Schweigens.

In Anerkennung der Leistungen des Instituts hat die Heidelberger Druckmaschinen AG die vorliegenden Band ermöglicht; ihr ehemaliger Vorstandsvorsitzender Hartmut Mehdorn ist mit einem eigenen Beitrag vertreten. Auch der Präsident des IIK, Detmar Grosse-Leege, hat sich als Autor am vorliegenden Band beteiligt.
Mit umso größerer Bestürzung komme ich der Herausgeberpflicht nach, mitzuteilen, dass Detmar Grosse-Leege, ein außergewöhnlich erfahrener, ebenso verlässlicher wie hilfsbereiter Unternehmensberater und Kommunikationsfachmann, am 12. Mai 2000 im Alter von 62 Jahren in München nach längerer Krankheit gestorben ist. Seine Berufung im Jahre 1998 war ein Glücksfall für das Institut. Obwohl sich seine Erkrankung schon bald ankündigte, hat er sich als Präsident bis zuletzt um sein Institut gekümmert, die Kleine Reihe noch selber mit ins Werk gesetzt und den vorliegenden Band mitgeplant. Sein Tod gibt diesem Band den Charakter eines besonderen Vermächtnisses.
Zum zweiten Mal in seiner jungen Geschichte erlebt das Institut mit diesem Tode einen Schicksalsschlag. Unvergessen ist das plötzliche Ableben von Waldemar Pfeiffer (3. Juli 1994), dem Mitinhaber der Firma Raps & Co. (Kulmbach), deren Sponsorenschaft das IIK erst arbeitsfähig gemacht hat.

Beide Tode erinnern uns daran, dass es nicht nur Kommunikationsbedingungen gibt, unter denen sich unser Handeln vollzieht, sondern auch eine Bedingung, unter der sich Kommunikation überhaupt vollzieht: die enge Begrenzung unserer Lebenszeit. Sie ist die Ressource, die unsere Kommunikationsfähigkeit überhaupt erst möglich macht.

2. Zum Aufbau des Bandes
Der Band ist in sieben Kapitel gegliedert, deren Reihenfolge den Bogen der Institutsarbeit spannt. Die Kapitel bilden jeweils besondere Diskurse ab; in ihrer Summe konstituieren sie ein Leistungsbild des Instituts.

Das Eingangskapitel informiert über die Konzeption und Entwicklungsgeschichte des Instituts; es dokumentiert die Inaugurationsreden des Jahres 1990, beschreibt in gebotener Kürze die Kontur der interkulturellen Germanistik als kulturhermeneutischer Rahmendisziplin des Instituts und schließt mit einer Bilanz des Institutsarbeit im Spiegel der Veröffentlichungen 1990-2000 ab.

Das zweite Kapitel wendet sich analytischen und modellbildenden Fragestellungen der internationalen und interkulturellen Kommunikation in der globalisierten Wirtschaft zu. Dieses Kapitel ist der umfangreichste Teil des Buches. Er versammelt mit Ausnahme des abschließenden und zum dritten Kapitel überleitenden Textes ausschließlich Originalbeiträge; mehrere dieser Beiträge hat das Institut auf Anregung seines Präsidenten Detmar Grosse-Leege auch in seiner für eine breite Leserschaft konzipierten Kleinen Reihe vorgelegt.

Das dritte Kapitel ergänzt die wirtschaftsbezogene Analyse um die Thematisierung einiger Grundlagen der Theorie und Praxis interkultureller Kommunikation; zu ihnen gehört außer dem Konzept der interkulturellen Kompetenz insbesondere das bisher völlig übergangene Phänomen der Stimme in der interkulturellen Kommunikation.

Die drei nachfolgenden Kapitel bündeln Aspekte der vom Institut entwickelten Kulturthemenforschung. Das vierte Kapitel erläutert Konzepte und Entwicklungsschritte der kulturwissenschaftlichen Xenologie; das fünfte Kapitel enthält ausgewählte Beiträge seiner Begründung einer kulturwissenschaftlichen Toleranzforschung; das sechste Kapitel führt in die Entwicklungsgeschichte der Kulturforschung des Essens ein. Der siebte und abschließende Teil des Bandes versammelt ausgewählte applikative Forschungen des Instituts zur auswärtigen Kulturpolitik und Beiträge zur internationalen Kulturarbeit einschließlich der vom Institut aufgebauten Sommeruniversität für interkulturelle Deutsch- und Deutschlandstudien.

Im Namen des Vorstands danke ich allen, die beim Aufbau dieser Arbeitsgebiete und der Erstellung des vorliegenden Bandes mitgewirkt haben. Mein besonderer Dank gilt der Heidelberger Druckmaschinen AG, den Beiträgern des Bandes, meinen unmittelbaren Mitarbeitern und Günter Wenke vom Résidence-Verlag für die sorgfältige Gestaltung des Buches und für den kommunikativen Mehrwert der Zusammenarbeit.

Dem Gedächtnis an Detmar Grosse-Leege ist der Band gewidmet.

Bayreuth, 31. Mai 2000

Alois Wierlacher

13.08.2015